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Der Lieberman-Effekt im Hundetraining: Wie Benennen beruhigt

„Er ist gerade angespannt." Dieser Satz klingt nach einer Beobachtung. Dabei ist er schon eine Intervention. Klingt übertrieben? Ist es aber gar nicht – und die Forschung dahinter so verblüffend wie praktisch.


Was Matthew Lieberman herausgefunden hat

Der Neurowissenschaftler Matthew Lieberman von der UCLA hat in einer bekannten Studie aus dem Jahr 2007 gezeigt, was passiert, wenn Menschen Emotionen in Worte fassen – das sogenannte Affect Labelling, zu Deutsch: affektives Benennen.

Das Ergebnis war eindeutig: Probanden, die eine Emotion, die ihnen anhand von Gesichtsausdrücken gezeigt wurden, benannten, zeigten im fMRT eine messbar geringere Aktivität in der Amygdala. Das ist der Bereich Gehirns, der für die Bewertung von Reizen zuständig ist – und also auch letztlich den Schalter umlegt, der eine Stressreaktion in Gang setzt. Dabei wurde gemessen, dass zeitgleich die Aktivität im präfrontalen Kortex steigt. Das wiederum ist der Teil, der für Abwägen, Erinnern und rationales Denken zuständig ist.


Benennen beruhigt. Nicht weil es das Problem löst – sondern weil es das Gehirn in einen anderen Verarbeitungsmodus bringt.


Was das mit deinem Hund zu tun hat

Auf den ersten Blick: direkt nichts. Dein Hund profitiert nicht davon, dass du sein Verhalten in Worte fasst. Er hört zwar, was du sagst, aber gefühlt 99% davon kann er nicht verstehen. Was er aber versteht, ist das, was danach passiert. Denn wenn du in der Lage bist, zu benennen, was du siehst – „Er fixiert. Er ist angespannt. Er hat Stress." – dann tust du etwas mit deinem eigenen Nervensystem.


Du wechselst vom Reaktionsmodus in den Beobachtungsmodus. Dein präfrontaler Kortex übernimmt. Deine Amygdala beruhigt sich ein wenig.


Und das spürt dein Hund: Dein Atem verändert sich. Deine Muskelspannung verändert sich. Die Hand, die die Leine hält, entspannt sich minimal. Dein Schritttempo bleibt im Takt. Du agierst überlegter – weil du einen Moment lang zwischen Reiz und Reaktion getreten bist. Das ist der Lieberman-Effekt im Hundetraining.


Körpersprache und Ausdrucksverhalten des Hundes erkennen und benennen können
Körpersprache und Ausdrucksverhalten des Hundes erkennen und benennen können


Warum „Hund lesen" mehr ist als Wissen

Es gibt viele Kurse und Bücher, die lehren, wie man die Körpersprache des Hundes interpretiert. Gähnen, Lippenlecken, Wegschauen, Pfote heben – all das sind Signale, die etwas bedeuten. Dieses Wissen ist wertvoll. Aber es reicht allein nicht.


Dein Wissen hilft dir nur, wenn es in dem Moment abrufbar ist, in dem du es brauchst. Und das ist genau nicht der Moment, in dem du selbst nervös bist. Wenn dein Herz schneller schlägt. Wenn die nächste Hundeleine schon um die Ecke kommt. Wenn du schon weißt, was gleich passiert.


In diesem Moment hilft kein theoretisches Wissen. Es hilft, in die Beobachtung zu gehen. Zu benennen: „Er zeigt Anspannung. Er schaut starr. Er hält die Luft an." Diese einfache Handlung aktiviert den Teil deines Gehirns, der ruhig denken kann – und es dir ermöglicht, Entscheidungen zu treffen.


Wie du damit anfängst

Du brauchst dafür keine besondere Technik. Kein Werkzeug. Nur die Bereitschaft, den Moment zu verlangsamen – zumindest innerlich.


Fang damit an, deinen Hund öfter zu beschreiben. Nicht zu bewerten. Nicht zu interpretieren. Nur zu benennen, was du siehst: Was macht er mit der Rute? Wirkt sein Körper, seine Muskulatur angespannt oder locker. Wo guckt er hin und wie? Wie ist sein Gesichtsausdruck, was passiert mit den Ohren? Das klingt nach wenig. Es ist aber ein Trainingsreiz für dein eigenes Nervensystem – und damit indirekt einer der wirksamsten Einflüsse, die du auf deinen Hund hast.


Der erste Trainingsschritt ist Erkennen.

Wenn du deinen Hund besser lesen und verstehen möchtest – und merkst, dass dein eigener Zustand dabei eine größere Rolle spielt als gedacht – ist das ein guter Ausgangspunkt für gemeinsame Arbeit.


Mehr dazu

Wenn dein Hund draußen schnell hochfährt, lohnt sich ein Blick auf beide Seiten der Leine.

Mehr über Unruhe und was dahintersteckt: Unruhe beim Hund

Mehr über den Zusammenhang von Zustand und Verhalten: Zustand vor Verhalten

Wir können auch gemeinsam schauen, was bei euch gerade los ist: Verhaltensberatung





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